Samstag, 28. Januar 2012

Rückblick 2011

Geschrieben von Matthias

Retrospektive eines Highline-Jahres

Das Highline-Jahr beginnt mit einer der schönsten und wohl gleichzeitig härtesten Highlines der bayerischen Voralpen: der Roßsteinnadel.

Zusammen mit Damian, Freddy und Fabian (Rupprecht) ziehe ich los. Nach einem langen und kräftezehrenden Aufbau reicht es für mich am gleichen Tag nicht mehr für einen Versuch.


Am nächsten Tag soll es dann soweit sein. Unglaublicherweise gelingt mir der Weg zur Nadel onsight. Taumelnd und mit einem Gefühl von Übelkeit vor lauter Angst erreiche ich die Nadel. Ich bin leer, keine Kraft mehr für den Rückweg, wenige verkrampfte Versuche enden ohne Schritte in Catches.
blog-2012-01-29-blog-matt-001
Ich zweifle, wie so oft bei Highline-Aktionen. Stelle mir die immer wiederkehrende Frage: WARUM? Warum mache ich das eigentlich? Es macht keinen Spaß! Das Gefühl an der anderen Seite anzukommen ist großartig, aber verglichen mit dem Aufwand der dafür nötig ist so kurzweilig und klein.

So soll es nicht ewig weitergehen: Ich fasse einen Vorsatz: Noch 5 Highline-Aktionen, dann ziehe ich einen Strich! Wenn es bis dahin nicht ansatzweise anfängt Spaß zu machen, bzw. die Waage zwischen Aufwand und Ertrag (so blöd das klingt) nicht mehr so ungleich ist, höre ich auf. So kann es für mich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht ewig weitergehen.

Es folgen Highline-Aktionen: Im Allgäu spannen wir eine kurze Line am Besler, immernoch ein Kampf...
blog-2012-01-29-blog-matt-002
An den Buchenegger Wasserfällen geht es auf der Kurzen zum ersten mal ganz gut, aber die Große geht nur in eine Richtung und macht platt. Aber es fängt an besser zu werden.
blog-2012-01-29-blog-matt-003
An der Meganadel wird es hart. Wir bauen die Line zu zweit auf, Freddy und ich. Auch hier ist der Aufbau enorm kräftezehrend. Ich bewundere Freddy für seinen Willen und die Kraft sich immerwieder zu überwinden und doch noch raus auf die Line zu gehen. Ich fühle mich leer, habe keinerlei Motivation mich in diese Ausgesetztheit zu begeben, zweifle und stelle mir wieder und wieder die gleiche Frage: WARUM?
blog-2012-01-29-blog-matt-004
Auch am zweiten Tag kann ich mich nicht überwinden, ich binde mich nicht mal in die Leash ein. Ich will die Ausgesetztheit nicht spüren, meine Ängste nicht überwinden, nicht scheitern!
blog-2012-01-29-blog-matt-005
Freddy ist der Freund, den man sich in so einem Zustand nur wünschen kann, er akzeptiert und versteht. Und ich habe die Entscheidung nicht bereut, an diesem Wochende nicht draußen auf der Line gewesen zu sein.

Was blieb waren natürlich noch mehr Zweifel, aber es war erst die dritte Aktion seit der Roßsteinnadel...es muss noch weitergehen!

Im August sind wir am Nürnberger Turm. Viel hat nicht gefehlt und ich wäre erneut nicht rausgegangen. Dank Damian's und Freddy's Zuspruch wage ich einen Versuch und laufe die Line onsight fullman. Ein kurzes Hochgefühl und die anschließende Leere...same same.

Im September wollen wir Freddy's großes Projekt an den Löwenzähnen realisieren. 42m lang, 150m hoch. Pure Ausgesetztheit über dem Rheintal.
blog-2012-01-29-blog-matt-006
blog-2012-01-29-blog-matt-007
6 Stunden Aufbau, 3 Tage am Spot, unzählige Versuche von Freddy bis an den Rand des Wahnsinns. Letztendlich gelingt ihm der Halfman. Sein ungebrochener Wille ist bewundernswert und so weit weg von dem wie ich mich fühle. Ich starte genau einen Versuch, der schrittlos im Catch endet und nicht gerade Mut macht. Es war ein großartiges Projekt mit einem genialen Team und es hat mich erfüllt ein Teil davon gewesen zu sein.
blog-2012-01-29-blog-matt-008
Hier findet ihr das Video dazu.

Tatsächlich hätte es hier zu Ende sein müssen. Ich hab mich wohl verzählt...wollte es noch nicht wahrhaben.

Im November lädt mich Damian nach Dresden ein und wir gehen eine Erstbegehung im Elbsandstein an. Es ist ein Märchenland und die wunderschöne "Silhouette Line". 34m lang und auch ordentlich hoch. Ich stimme mich mit chilligem Drum & Bass ein und fühle eine ungekannte Motivation. Nach dem Sitzstart bleibt das Gefühl der Panik aus, was mich im ersten Moment verwundert. Sonst hat sich immer alles verkrampft, es war ein reiner Kampf vorwärts zu gehen. Diesmal ist es anders: Ein Gefühl Kontrolle zu haben über das was ich da tue.
blog-2012-01-29-blog-matt-009
blog-2012-01-29-blog-matt-010
Ich laufe die Line onsight fullman, schnaufe, keuche, schreie fast während des Laufens und schreie tatsächlich befreit und erlöst als ich den Rückweg beendet habe. Das war gut!

Ist nun der Knoten geplatzt? Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht.

Im November wiederholen wir noch eine schöne Line in der Pähler Schlucht, irgendwas um die 35m lang. Hier habe ich tatsächlich Spaß: an der Ausgesetztheit, an der Herausforderung, an der Kontrolle und nicht zuletzt natürlich auch am Kick!
blog-2012-01-29-blog-matt-011blog-2012-01-29-blog-matt-012
Es folgt noch eine letzte Aktion in der Türkei. Oberhalb des Josito-Camps wiederholen wir eine bereits eingebohrte Highline. Kurz, vielleicht gerade mal 15m. Es kostet viel Überwindung, ich kann die Line an 2 Tagen mehrmals laufen. Es zehrt an den Kräften, eine gewisse Leere bleibt auch hier.
blog-2012-01-29-blog-matt-013
Mehr Bilder von Torsten gibt es unter http://cliffhanger-photography.de/Slackline/

Was bleibt nun nach diesem Jahr? Gewiss hat sich vieles gebessert, gewiss ist auch vieles noch ungewiss. Welche Motivation mich getrieben hat, so viel Energie in die unzähligen Aktionen zu stecken und nach Niederlagen immer wieder aufzustehen kann ich schwer in Worte fassen. Viel machte die großartige Freundschaft zu Freddy aus, dessen Motivation oft für uns beide gereicht hat und der nicht müde wurde, mich immer wieder aufs neue zu überzeugen loszustarten. Er hat immer daran geglaubt, dass ich es schaffen kann, öfter wohl als ich selbst daran geglaubt habe. Dafür bin ich unglaublich dankbar!

Nicht aufgeben und das Unmögliche möglich machen! Das war wohl die Devise 2011.

Ich blicke gespannt in die Zukunft und freue mich auf weitere Projekte. Highlinen ist nicht alles, Länge und die Dynamik in "normaler" Höhe sollen 2012 auch nicht zu kurz kommen...

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein erfolgreiches Jahr 2012!

Mehr in dieser Kategorie: « Slackfest 2010 Welcome Basti »

3 Kommentar(e)

  • Kommentar hinzufügen KudLATY Samstag, 11. Februar 2012 Eingetragen von KudLATY

    Beautiful pictures, I wish the story was in english :)

    Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
  • Kommentar hinzufügen Simon Samstag, 28. Januar 2012 Eingetragen von Simon

    Sehr schöner Bericht, der wohl unser aller Leid sehr gut beschreibt. Es ist doch schon wirklich komisch, warum machen wir immer wieder Sachen, bei denen wir an unsere Grenzen stoßen, diese überschreiten wollen, wo doch auf der anderen Seite erstmals "nur" unsere tiefsten Ängste warten. Zu allem Überfluss bezeichnen wir das ganze auch noch als Hobby und verbringen so gut wie jede freie Minute damit, wieder tausend Tode zu sterben.
    Ich finde den Gedankengang von Alexander Huber in "Am Limit" sehr interessant, in dem er darüber spricht, dass alle Menschen immer denken, Extremsportler seien so freie Menschen, doch im Endeffekt, sind wir oftmals nur getrieben, die nächste, am besten noch extremere, vielleicht sogar bewusst noch gefährlichere Aktion anzugehn. Wir können die Berge nicht einfach nur ansehn und genießen, am Strand sitzen und relaxen, darüber staunen, wie schön doch die Natur ist. Wer einmal Blut geleckt hat, ist infiziert. Zur Zeit suche ich diese einnehmende Angst vermehrt im Wasser (Surfen) und ich kann nur sagen - Sie ist keineswegs schöner als die Angst der Berge. Eine Highline traue ich mir nicht im entferntesten zu und habe einen Heidenrespekt davor, was ihr da oben betreibt. Ich kann dir Matthias nur gratulieren, dass du mutig genug bist, vielleicht auch mal Nein zu sagen und bei allem Kick, die Stimme deines Körpers nicht überhörst, die vielleicht manchmal aus gutem Grund ein Veto einlegt. Ich wünsche dir weiterhin gutes Gelingen und hoffe das du im Kampf mit der Angst, vermehrt als Sieger hervorgehst.
    Saludos - ein Leidensgenosse...

    Ach ja, jetzt fällt mir gerade ein, dass ich ganz vergessen habe, für meinen Teil dieses "Warum?" zu beantworten. Ich finde es einfach nur unglaublich bestärkend, Herr seiner Ängste zu werden und in Situationen, die einem vielleicht vor einiger Zeit noch unvorstellbare Torturen erleiden ließen, sich später in genau so einer wiederzufinden, und zu bemerken, hey, ich hab ja gar keine Angst mehr. Ich glaube, nichts kann einem mehr Angst machen, als die eigenen Vorstellungen, was passieren könnte. Wenn man diese Ängste überwindet, ist man gewiss in bestimmter Hinsicht, besser fürs Leben gerüstet und agiert in diesem mutiger... Ach ja, und natürlich bin ich wohl auch ein bisschen irre, aber das sind wir doch irgendwie alle :)

    Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
  • Kommentar hinzufügen Kai Samstag, 28. Januar 2012 Eingetragen von Kai

    ein schöner ehrlicher Bericht

    Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Kommentar hinzufügen