Die Entwicklung des Slacklinens

Gleichgewicht ist für unser Leben essentiell. Unsere Erde bewegt sich in einer festen Bahn um die Sonne und der Mond umkreist seit Ewigkeiten die Erde. Meeresströme und Winde überwandern unseren Planeten. Die Jahreszeiten folgen dem Lauf des Lichts. Ob Berge oder Täler, Wüsten oder Wasser, alles steht in Beziehung zueinander, alles ist durchströmt von Vollkommenheit, und wir als Menschen sind Teil davon.

Vieles ist für uns so normal, dass wir diesem keine Beachtung schenken. Die Menschheit entwickelt neue Lebensweisen, welche sich von ihrer ursprünglichen Existenz zu entfernen scheint. Umso wichtiger wird es das Gefühl für unsere Wurzeln wieder zu erlangen, den Dialog zwischen unserem Körper, unserem Geist und der Natur erneut zu definieren.

Die Idee des Balancierens ist fest verankert in verschiedenen Kulturkreisen. Bereits im antiken Griechenland und im alten Rom war diese Kunstform bekannt. Auf einem dünnen Seil tanzend wurden elegante Bewegungen und satirische Posen vorgeführt und bereits zu dieser Zeit wurden im Seiltanz verschiedene Disziplinen unterschieden.
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Antike Darstellung von Seiltänzern auf einem Wandbild der Stadt Herculaneum (50 n.Chr., Quelle: Perseus Digital Library))

Auch aus dem Mittelalter wird von Festen und Spektakeln berichtet in denen Seilakrobaten im Zentrum der Aufmerksamkeit standen. Im 19. Jahrhundert waren große Artisten wie Blondin oder Farini weltberühmt. Auf einem Hochseil, welches die Niagara-Fälle überspannte, wurden verschiedene Kunststücke präsentiert. In Korea ist das Jultagi, eine Form der erzählenden Seilakrobatik, im zu schützenden Kulturerbe aufgenommen worden. Und in vielen mittelasiatischen Provinzen besitzt das Seilbalancieren ebenfalls eine große kulturelle Tradition.

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Philippe Petit am World Trade Center (New York 1974, © Jim Moore)
Philippe Petit bezauberte mit seiner abenteuerlichen Begehung eines Hochseils zwischen den Zwillingstürmen des Welthandelszentrums in New York viele Menschen. In den frühen Morgenstunden des 7. August 1974 schwebte Petit für ca. 1h über der erwachenden Stadt.

Die Polizei verhaftete Ihn wegen dieser ungenehmigten Aktion, und zur Strafe musste er für New Yorker Kinder eine Darbietung im Zentralpark geben.

All diesen Beispielen ist die Faszination des außergewöhnlichen und kunstfertigen gemein. Der Balanceakt auf dem Seil erscheint als Symbol für das Menschenmögliche.

Ein Traum welcher durch großen Fleiß, Hingabe und Kühnheit zu Wirklichkeit wird.

Die Ursprünge des Slacklinens beginnen an einem anderen Ort. Gleichwohl die Seilakrobatik als Inspirationsquelle in den Gedanken der Pioniere existieren mochte, so ist die Herangehensweise eine andere. In den Klettercamps des amerikanischen Yosemite-Tals begannen Anfang der 80er Jahre eine handvoll junger Burschen mit dem Balancieren auf Ketten, Geländern und Seilen. Für einige von Ihnen entwickelte sich dieser nette Zeitvertreib zum Selbstzweck.

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Das Yosemite-Tal – die Anfänge des Slacklinens (Quelle: Wikimedia )
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Scott Balcom, Golden Gate Bridge (1983, © www.slackline.net )
Adam Grosowsky und Jeff Ellington waren die ersten, welche die wunderbaren Eigenschaften von schlauchförmigen Polyamidband zum Balancieren zu schätzen wussten. Im Gegensatz zu den bisher im Seiltanz üblichen Stahl- oder Hanfseilen besitzt Polyamidband deutlich größere Dynamik, Leichtigkeit und Trittkomfort. Das dynamische Band eröffnete einen neuen Kosmos an Gleichgewichtsformen. Auf einer nicht enden wollenden Welle kann man sich am Spiel mit der Schwerkraft berauschen. Jeff und Adam spornten sich gegenseitig zu immer neuen Bewegungsformen auf dem Band an, und begeisterten auf diese Weise weitere Slackliner.

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Darrin Carter am Lost Arrow (1994, © Gravity Magazine)
Adam und Jeff erkannten auch die Herausforderung der Vertikalen und versuchten 1983 den Lost Arrow Spire auf einem Seil zu erreichen, vergebens. Ihre Idee nahm der junge Scott Balcom auf und nach einem Versuch 1984 konnte er als erster im daraufolgenden Jahr 1985 die Lost Arrow Highline begehen. Die Slackline zunächst als Spiel- und Trainingsform für Gleichgewicht und Koordination erlangte so eine weitere Bedeutung, das Überschreiten von psychologischen Barrieren und der Gewinn eines neuen Freiheitsgefühls.

Darrin Carter, inspiriert durch die ersten Versuche von Scott am Lost Arrow, perfektionierte Anfang der 90iger Jahre das Highlinen. Er balancierte mehrere Mal ohne Sicherung zum Lost Arrow und konnte noch weitere Highlines in diesem absoluten Stil begehen. Die Basis für diese neue Dimension waren unzählbare Stunden auf „normalen“ Slacklines.

Darrin bezauberte wiederum die nächste Generation von Slacklinern. Mit Dean Potter, Shawn Snyder und Braden Mayfield etablierte sich die schlappe Leine fest in der amerikanischen Freikletterbewegung und erfuhr eine starke Resonanz in den Medien.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurden immer mehr Slacklines in europäischen Gefilden gesichtet, und seit dem 1. Europäischen Slacklinefestival 2006 in Scharnitz/Österreich, initiiert von Heinz Zak, erfährt das lockere Band einen richtigen Boom im deutschsprachigen Raum. Aber auch z.B. in Norwegen, Tschechien oder Polen steigen immer mehr Menschen auf die Leine. Das Slacklinen hat sich mittlerweile vom Klettersport emanzipiert und erfreut sich unter Skateboardern, Surfern und Snowboardern/Skifahrern als „Trockentraining“ zunehmender Beliebtheit. Weitere zukünftige Anwendungsgebiete sind aber auch z.B. Physiotherapie und Pädagokik.

Begleitend zur Popularisierung bildet sich eine stärkere Vielfalt im Spektrum des Slacklinens heraus. Artistische Bewegungsabfolgen sind zentrales Thema beim Tricklinen. Die Länge als Herausforderung im Longlinen. Balance über Seen und Flüssen beim Waterlinen. Die Ausgesetztheit der Highlines zentralisiert das Verhältnis zu inneren Ängsten. Die Stadt wird zum Spielplatz des Gleichgewichts beim Urban Balancing.

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Slacklinen im Jahr 2008 an der Cote Azur
Die Faszination des Slacklinens wird durch die Bewegung in freier Natur, das aktive Erholen, die Freude an der eigenen motorischen Lernfähigkeit oder das Zusammentreffen mit Gleichgesinnten genährt.
Ob allein oder mit Freunden, man kann einfach fantastische Momente erleben.

Das Balancieren auf einem Band schenkt uns die Möglichkeit unsere Wahrnehmungen für einen Augenblick zu sammeln um ursprüngliche Harmonie und Schönheit zu spüren.

Wir alle zusammen sind gerade dabei ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der Gleichgewichtskünste zu gestalten.